FAQ zum Gefängnistheater aufBruch

1. Wer darf an den Theaterprojekten von aufBruch teilnehmen?
Wie erfolgt die Auswahl der Teilnehmer?

Das Angebot richtete sich prinzipiell an jeden Insassen, ungeachtet seiner Straftat. Wir haben als externe Künstler keine Akteneinsicht und keinen Überblick über die einzelnen Straftaten.
Alle Interessenten können sich zur Teilnahme bewerben, allerdings entscheidet die Anstalt über die Zulassung der Teilnehmer, manche werden aufgrund ihres Verhaltens/Status in der Anstalt (Gruppentauglichkeit, etc) durch die Anstalt abgelehnt. Alle zugelassenen Insassen können an Vorproben teilnehmen. Hier präsentieren wir ihnen die Arbeitsbereiche, mit denen sie im Theaterprojekt konfrontiert werden (Sprech-, Stimm-, Chor-, Körper-, Gesangstraining sowie Schauspiel- und Improvisationsübungen) und informieren sie über die Rahmenbedingungen (Probenzeiten, Projektlaufzeit, Verbindlichkeit).  
Die Insassen entscheiden sich nach der Vorprobenphase, ob sie Lust auf die Arbeit mit uns haben oder nicht. Diejenigen, die dann dabei bleiben, bilden das jeweilige Ensemble und nehmen zum Großteil auch bis zum Ende teil.

 

2. Wie wird das Angebot in den Anstalten wahrgenommen?

Prinzipiell gut, gleichwohl sich immer nur ein Teil der Insassen überhaupt für Kultur oder Theater interessiert. Für viele sind Sport, Fernsehen oder andere Freizeitaktivitäten wichtiger. Diejenigen, die mitmachen, bringen oftmals eine sehr große Offenheit und Interesse an der Theaterarbeit mit.
Seitens der Anstaltsleitung werden die Theaterprojekte geschätzt und unterstützt, hier vor allem aufgrund der kompetenzbildenden Auswirkungen auf die Teilnehmer.

3. In was für einer Gruppengröße wird gespielt?

Je nach Gefängnis und Rahmenbedingungen arbeiten wir mit Ensembles zwischen 10 und 25 Inhaftierten.

4. Wie reagieren andere Strafgefangene, die nicht mitspielen, auf die Schauspieler?

Unterschiedlich. Einerseits mit Unverständnis dafür, dass die Spieler mitmachen und den Großteil ihrer Freizeit bei den Theaterproben verbringen, manchmal mit Missgunst, da die Teilnahme am Projekt Abwechslung und Aufmerksamkeit sowie Ausnahmen vom regulären Haftalltag mit sich bringt.  
Grundsätzlich erhalten die Spieler aber auch immer Respekt für die Leistung, die sie am Ende auf der Bühne zeigen.

5. Was für Stücke werden gespielt?

Wir spielen klassische oder moderne /zeitgenössische Theaterstücke, die zum Großteil historische Konflikte oder Mythen zum Gegenstand haben. Wichtig ist, dass der Stoff, der im Stück verhandelt wird, in Bezug zu den Erfahrungskontexten der Insassen steht und dass alle Figuren durch die Insassen darstellbar sind.

6. Nach welchen Kriterien werden die gespielten Stücke ausgewählt?

Aufgrund der Förderbedingungen - die Förderanträge werden zumeist anderthalb bis ein Jahr vor der eigentlichen Produktion entwickelt und eingereicht - entscheidet die künstlerische Leitung (Regie/Dramaturgie) über die Stückauswahl anhand von Erfahrungswerten über die zu erwartende Gruppenzusammensetzung. Je nach Gefängnis sind die Zusammensetzungen der Ensembles unterschiedlich.

7.Beziehen sich die Stücke auf die Straftaten?

Da aufBruch keine Akteneinsicht erhält und auch nicht erhalten will, sind wir über die einzelnen Straftaten nicht unterrichtet und können und wollen hier keine direkten Bezüge herstellen. Häufig thematisieren aber die ausgewählten klassischen Stoffe/Stückvorlagen Konflikte oder Lebenssituationen, die für die Begehung der Straftat häufig eine Rolle spielen wie Ehrbegriffe, -verletzungen, Eifersucht, Streben nach Macht, Reichtum etc.

8. Welche Grenzen  eröffnen sich beim Spielen im Gefängnis, im Gegensatz zum Theaterspielen im alltäglichen Leben?

Die Theaterarbeit im Gefängnis ist räumlich und zeitlich begrenzt, es gibt einen eng definierten Rahmen, in dem die Proben und Aufführungen realisiert werden dürfen, der im Vorfeld festgelegt und nicht verändert werden kann. Der Einsatz technischer Mittel (Nebel, Licht, Pyrotechnik, Requisiten, Attrappen) wird durch die Sicherheitsrichtlinien der jeweiligen JVA limitiert.
Die Situation im Gefängnis spielt immer eine Rolle für die Bereitschaft der Spieler, sich in der Figur/auf der Bühne zu „öffnen“ oder persönliche Einblicke zu gewähren. Beeinflussende Faktoren sind hierbei die Hierarchie der Gefangenen untereinander oder das Bild, dass der Einzelne von sich zeigen will gegenüber den Sozialarbeitern, Psychologen oder Gutachtern.

9. Welche Ziele werden mit der Arbeit im Gefängnis erzielt?

aufBruch beschäftigt sich künstlerisch mit politischen und sozialen Prozessen und Kreisläufen in unserer Gesellschaft und hat hierfür das Gefängnis als zentralen Ort der Untersuchung gewählt.
Ziel ist, durch das Mittel der Kunst den von der Öffentlichkeit ausgeschlossenen Ort Gefängnis öffentlich zugänglich zu machen;
Ziel ist, durch darstellerisches Handwerk den Gefangenen eine Sprache, eine Stimme und ein Gesicht zu verleihen, das die Möglichkeit einer vorurteilsfreien Begegnung zwischen Draußen und Drinnen schafft;
Ziel ist ein lebendes Theater auf künstlerisch hohem Niveau, das in der Kombination von Persönlichkeit und dramatischem Text entsteht und durch Authentizität und Aussagekraft überzeugt.
aufBruch begreift sich und seine Arbeit als künstlerische Vermittlung zwischen der Welt innerhalb der Gefängnismauern und derjenigen außerhalb, sein Theater als Denkanstoß und Ausgangspunkt für eine respektvolle Begegnung zwischen Straftätern und der „unbescholtenen“ Bevölkerung, die beide Teil einer europäischen Gesellschaft sind.

10. Hat das Spielen von bestimmten Stücken einen pädagogischen oder psychologischen Hintergrund?

Nein, unsere Arbeitsmotivation ist eine rein künstlerische, gleichwohl wir die Auswahl der Stücke natürlich im Kontext der Akteure / JVA vornehmen (siehe Fragen 5 und 6).

11.Ist das Theaterspielen eine Form des Gestaltungsgrundsatzes der JVA?

Dank unserer jahrelangen Theaterarbeit vor Ort im Berliner Strafvollzug wird die kulturelle Betätigung der Insassen als Freizeitangebot auch aus Sicht der JVA immer bedeutsamer. Der Rahmen und Umfang dessen ist aber immer von den einzelnen Entscheidungsträgern in den jeweiligen Anstalten abhängig.

12. Wird die Resozialisierung dadurch gefördert, bzw. wird dies beabsichtigt?

Der heutige Strafvollzug hat grundsätzlich Resozialisierung zum Ziel, deshalb werden alle Angebote, die die JVA den Insassen anbietet, hinsichtlich dieser Prämisse ausgewählt. Dass Theaterspielen die Entwicklung von Persönlichkeit fördert und die sozialen Kompetenzen erweitert, ist unumstritten und kann daher auch als der Resozialisierung förderlich beurteilt werden.
Inwieweit dies ausreicht, um nicht neuerlich straffällig zu werden oder sich erfolgreich nach der Haftentlassung zu integrieren, ist nicht mess- oder beweisbar. Hier spielen viele Faktoren zusammen.

Unsere Meinung ist, dass jede Form der positiven Erfahrung hilfreich und wünschenswert ist, sowohl für die Insassen als auch für das Publikum und die Begegnung miteinander. Hierfür  kann Theater Impulsgeber und Initiator sein.

13. Kann man durch das Spielen eine Veränderung im Wesen der Gefangenen erkennen?

Ungeachtet dessen, dass wir – trotz der Intensität der Zusammenarbeit – nur die Seite der Insassen kennenlernen, die sie uns gegenüber auch preisgeben wollen, und wir daher keinesfalls den Gefangenen in seinem Wesen beurteilen können, lässt sich beobachten, dass bei einem Großteil der Spieler im Projektverlauf das Selbstvertrauen, die Selbstsicherheit, die Teamfähigkeit und die Ausdrucks- und Artikulierungsfähigkeit zunimmt.

14. Was ist die Rückmeldung der Gefangenen, wie erleben sie das Spielen und hat es bei ihnen eine Wirkung erzielt?

Die Rückmeldungen sind zum Großteil positiv, besonders nach dem Erlebnis der Aufführungen vor dem Publikum. Sie sind über ihre eigene Leistungsfähigkeit überrascht und auch über die Anerkennung, die ihnen durch das Publikum und auch durch ihre Angehörigen oder ihr Umfeld im Gefängnis (Gruppenleiter, Sozialarbeiter, Psychologen) entgegengebracht wird.
Zumeist haben sie Interesse, an der nächsten Theaterproduktion erneut teilzunehmen, einige spielen sogar nach ihrer Haftentlassung in unseren Außenproduktionen weiter oder kommen als Zuschauer in die Inszenierungen.

15. Wie reagieren Besucher auf die vorgeführten Stücke?

Unser Publikum ist breitgestreut und besucht aus den unterschiedlichsten Beweggründen die Gefängnistheateraufführungen.
Einerseits handelt es sich um klassische Theatergänger, die sich besonderes Theater ansehen wollen oder Besucher, die sich vor allem für die sozialen Zusammenhänge des Gefängnistheaters interessieren, andrerseits ist die Motivation ebenfalls, einmal einen Blick hinter die Gefängnismauern zu werfen und zu erfahren, wie es im Gefängnis aussieht oder wer sich in den Gefängnissen befindet.
Im Anschluss an die Aufführungen findet ein offenes Publikumsgespräch statt, in dem die Besucher sich mit den Inhaftierten austauschen.
Die Reaktion des Publikums ist ausgesprochen positiv. Diejenigen, die zum ersten Mal das Gefängnistheater besuchen,  zeigen sich überrascht und nachhaltig beeindruckt von der überzeugenden Leistung der Darsteller und dem professionellen Rahmen der Veranstaltung. Sie kommen meist auch in die nachfolgenden Produktionen und bringen neue Gäste mit, weshalb das öffentliche Interesse an den Aufführungen stetig wächst.




Regisseur Peter Atanassow im Gespräch

Interview aus dem Jahr 2007

 

Herr Atanassow, Sie inszenieren nunmehr seit fünf Jahren in der JVA Tegel. Warum Theater im Gefängnis?

Das Gefängnis ist normalerweise ein abgeschlossener Ort, der nicht zugänglich ist für Leute von außerhalb. Und das Theater hat die Funktion, Räume zu öffnen bzw. Räume zu schaffen, insbesondere einen Raum der Vermittlung. Das kommt an eine sehr ursprüngliche, sehr archaische Aufgabe von Theater oder Kunst generell heran: die Aufgabe der Vermittlung zwischen denen, die nichts haben und denen die alles haben. Im Fall des Theaters in einem Gefängnis ist dies die Vermittlung zwischen denjenigen, die in Freiheit leben und denen, die das nicht tun. Das Theater führt diese beiden Gruppen zusammen.

 

Und in diesem Jahr „RÄUBER.GÖTZ“ als Freiluftspektakel, um was geht es dabei?

Im „Götz von Berlichingen“ geht es um den klassischen Rebellen, der während eines gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses, nicht zu den Verlieren gehören will. Götz gehörte dem Stand der Reichsritter an, die nicht länger gebraucht wurden und deshalb an den ökonomischen Verteilungsprozessen nicht mehr partizipierten. Der Auslöser hierfür war die grundlegende Veränderung der Kriegsführung des deutschen Reiches, in welche die Reichsritter mit ihren Knappen nicht mehr passten und deshalb gezwungen waren, nach alternativen Überlebensstrategien zu suchen. Diese Alternativen schlossen Raub und Auftragsüberfälle mit ein. Hier sehen wir eine Parallele zur Situation heute: Kriminalität aufgrund des Fehlens einer gesellschaftlichen Perspektive und als Reaktion auf das Überflüssigwerden.

 

Wie hat man sich die Proben vorzustellen?

Der Probenablauf unserer intensiven Probenphase sieht folgendermaßen aus: Wir beginnen immer mit einer Gesprächsrunde, bei der jeder die Möglichkeit hat, zu Wort zu kommen, wo wichtige Termine und Neuigkeiten besprochen werden, Probleme geklärt oder inhaltliche Fragen gestellt werden können. Darauf folgt ein Bewegungstraining, bei dem die körperlichen Voraussetzungen für die späteren choreografischen Elemente der Inszenierung erarbeitet werden. Dann gibt es eine Sprecheinheit von einer halben Stunde, wo wir Sprache, Stimme und Atmung trainieren. Danach folgt eine Phase mit intensivem Chortraining, was sowohl Sprechchöre als auch Chorgesang beinhaltet. Im Anschluss daran wird dann szenisch gearbeitet und mit dem Ensemble das Stück entwickelt. Unterbrochen wird dieses Probenprogramm von zwei, drei Pausen.

 

Sie führen Regie und schreiben auch den Stücktext. Mit welchen Überlegungen gehen Sie an die Bearbeitung? Was ist dabei wichtig?

Zum einen ist es wichtig, einen Text zu diesem Stück zu entwickeln, der sich gut sprechen lässt, ohne alltags sprachlich zu sein. Denn Sprache ist auf dem Theater immer eine Kunstform. Zum anderen muss man darauf achten, einen inhaltlichen Bezug herzustellen. Denn es ist ja heute nur bedingt interessant, sich mit der Geschichte eines alten Raubritters auseinanderzusetzen, wenn es uns nicht gelingt, Aspekte in dieser Geschichte zu finden, die uns etwas über unsere Zeit erzählen.
Gerade das ist eine wichtige Herausforderung an das Theater. Es wird viel argumentiert, dass Kriminalität vor allen Dingen mit Trieb und Veranlagung zu tun hat. Kriminalität hat aber meines Erachtens nach auch wesentlich mit handfesten ökonomischen Problemen zu tun. Und Leute im gesellschaftlichen Abseits sind viel eher bereit, sich zu kriminalisieren.

 

Wie groß sind die Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten der Schauspieler im Verlauf der Proben?

Die Mitspieler können sich mit selbst geschriebenen Texten jederzeit einbringen. Am Anfang geht es darum, jedem der Darsteller das Stück und das Thema nahezu bringen. In diesen Aneignungsprozess durch die Darsteller gehört auch das Verfassen von eigenen Texten, die wir dann sowohl im Stück als auch im Programmheft verwenden können. Das Schreiben ist aber keine Voraussetzung für die Teilnahme am Projekt. Viel wichtiger ist es uns, dass sich die Darsteller mit ihrem persönlichen Engagement in die Arbeit einbringen und somit über ihre physische Präsenz dem Stück eine einmalige Aussagekraft verleihen.

 

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem Ensemble?

Das Entscheidende ist, in den gemeinsamen sieben Wochen Proben aus allen Beteiligten eine Mannschaft zusammenzuschweißen, die tolerant miteinander umgeht und sich gegenseitig motiviert. Das ist uns bisher ganz gut gelungen, obgleich natürlich immer auch Spannungen auftreten, die aber im Team konstruktiv gelöst wurden.

 

Welches Publikum möchten Sie erreichen?

Uns ist es wichtig, sowohl die Gefangenen in Tegel, seine Angehörigen, Vertreter der Justiz, des Kulturestablishments als auch den interessierten Theaterbesucher zu erreichen. Hier geht es uns um besagten Vermittlungsgedanken, im Rahmen des Theaters Leute unterschiedlichster sozialer und kultureller Schichten zusammenzubringen. Deshalb legen auch einen so großen Wert auf das Publikumsgespräch im Anschluss an jede Vorstellung.

 

Wie sieht die Zukunft und das Jubiläumsjahr von aufBruch aus? Was haben Sie noch vor?

Erst einmal kümmern wir uns jetzt natürlich mit aller Kraft um die Erarbeitung unserer Open-Air-Inszenierung.
Unser zehnjähriges Jubiläum möchten wir gern am Ende des Sommers mit einer Festveranstaltung innerhalb der Mauern Tegels begehen: für und mit allen Förderern, Unterstützern, Mitarbeitern, Mitspielern, Gefangenen, Exgefangenen und anderweitig Beteiligten an den Projekten der vergangenen zehn Jahre. In Tegel deshalb, weil die Anstalt von Anfang an unsere „Heimatspielstätte“ und das Zentrum unseres künstlerischen Wirkens war und noch immer ist.
Des Weiteren erarbeiten wir im Moment eine bebilderte Chronik zu „Zehn Jahre Gefängnistheater aufBruch“. Ein Buch, das nicht nur die abwechselungsreiche Geschichte unseres Projektes erzählen soll, sondern auch die Prozesse am Rande der Arbeit, Erinnerungen, Dialoge, Einblicke hinter die Mauern und Kulissen geben wird. All die Dinge, die in den Aufführungen selbst keinen Platz fanden, aber diese dennoch maßgeblich prägten. Und dann steht schon die nächste Inszenierung an. Im Herbst zeigen wir im Kultursaal der JVA Tegel „Die Fliegen“ nach Jean Paul Sartre. Der Abend bildet den Auftakt eines Inszenierungs-Zyklus um den Mythos der Atriden, der in 2008 fortgesetzt wird.